Was uns „Cottonelle“ zu erzählen hat

Vorbemerkung: Erzählen scheint eine genuin menschliche Kompetenz zu sein. Allerdings erzählen auch Techniken mit ihren Gebrauchsanweisungen, wie sie funktionieren, und erzählen Fahrzeuge, wie deren Nutzer mit ihnen umgehen. Im Folgenden geht es darum, was Produkte alles über sich erzählen: Wie bin ich, was kann ich und wie komme ich daher? Zum Auftakt einer (möglichen) Dekonstruktionsreihe versuchen wir es heute mit feuchtem Toilettenpapier von „Cottonelle“. Dabei soll das Produkt zwar für sich sprechen, jedoch war angesichts der indigenen Sprachen und der Produktcodes eine erweiterte Informationsbeschaffung notwendig.

P_20180303_190427_kl

Rein optisch kommt das Produkt in einer hellblauen Verpackung daher. Die weiche Farbe verschmilzt mit dezent angedeuteten Kreisen, die als Blasen interpretiert werden können, zu einer Unter-Wasser-Romantik, den Abschluss eines sauberen Geschäfts erahnen lassen.

Das vorliegende Exemplar von Cottonelle besticht laut Herstelleraussage durch „frischen Baumwollduft“. Möglicherweise existiert auch der Geruch abgestandener, verwelkter Baumwollpflanzen – aber wie viele Personen in Europa haben überhaupt schon einmal Baumwolle gerochen oder können sich darunter annähernd etwas vorstellen? Die Auswahl des Duftes scheint keineswegs beliebig, denn der Terminus „Cottonelle“ verweist im Wortstamm auf Baumwolle. Darüber hinaus hat die Firma Kimberly-Clarke ihren Firmensitz in Dallas (Texas), also einer Stadt, deren Entwicklung auch durch die Baumwollindustrie geprägt war. Heutzutage ist die Computerindustrie ein wirtschaftlicher Motor.

P_20180303_190821_kl

Das Produkt erzählt uns weiter, dass es 42 Stück feuchtes Toilettenpapier enthält. Es sind nicht 40 und nicht 44 oder 45 Stück, nein, es sind 42 Stück. Viele werden einwenden, dass dies eine produktionsbedingte Inhaltszahl sei. Gleichzeitig sei an „Per Anhalter durch die Galaxis“ erinnert, worin 42 die Antwort auf die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ ist.

Als Symbolfigur hat sich das Produkt einen Welpen ausgesucht. Dieser tapsige Gefährte scheint von der Fellqualität her ein weicher Schmuser zu sein, der in seinen ersten Tagen auf dem Planeten hier und da besonderen Schutz, umfassender: Care, benötigt. An dieser Stelle ist nicht ganz klar, ob der Welpe für das Toilettenpapier steht oder für den zu schützenden Körperbereich. Der abgebildete Hund ist allerdings ein Golden Retriever, also ein Exemplar einer besonders ausgeglichenen und menschenfreundlichen Hunderasse. Er ist also so ein treuer Begleiter durch den Lebensalltag, wie es das Toilettenpapier auch gerne werden möchte.

Es verspricht mit seinem Slogan daher einerseits, dass wir uns „sauber fühlen“. Aber warum fühlen wir uns nur sauber – sind wir es nach dem Einsatz dieser Po-Blättchen etwa nicht? Wir fühlen uns aber nicht nur sauber, sondern eben auch „sicher“. Das bedeutet, dass wir beim Toilettengang gewissen Gefahren ausgesetzt sind. Was ist damit gemeint? Sind wir ohne feuchte Reinigung einem körperlichen Niedergang ausgesetzt? Aber auch hier: wir fühlen uns nur sicher. Möglicherweise ist es dieses Gefühl, das Leute immer wieder zum „Po-entblößen“ anregt. Studien zeigen übrigens immer wieder, wie stark Handys mit Fäkalbakterien verunreinigt sind.

Aber zurück zum sauberen Gefühl. Dürfen wir Kimberly-Clarke nicht vertrauen und davon ausgehen, dass wir sauber sind. Geht es um Garantiefragen und Schadensersatzansprüche? Sind wir überhaupt kompetente Anwender?

P_20180303_190519_kl

Glücklicherweise erhalten wir die notwendigen Instruktionen zum Gebrauch des Feuchtpapiers vom Produkt überliefert. Erstens sei es stets „als Ergänzung“ zu trockenem Toilettenpapier zu verwenden. Offen bleibt dabei leider, in welche Reihenfolge die Hygieneassistenten benutzt werden sollen. Und zweitens sollen für ein „optimales Spülen“ nur 1 oder 2 Tücher gleichzeitig verwendet werden (s.o.). Dürfen die max. 2 Tücher nun mit den Fäkalien und womöglich bereits benutzten Trockentüchern gespült werden oder handelt es sich dabei um einen stand alone-Vorgang? Mit Blick auf die individuelle Ökobilanz (sprich. Wasserverbrauch) wird hier zu viel Interpretationsspielraum gelassen.

P_20180303_190627_kl

Zumindest erläutert uns das Produkt anhand des Zertifikats des Forest Stewardship Council (FSC), dass es aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammt – jedenfalls teilweise. Der Zusatz „Mix“ bedeutet, dass sich originäre Wälder und Recyclingmaterial für unser Wohlbefinden vereinigt haben. Das Zertifikat scheint für einen Schweizer Ableger der Firma zu gelten, was bedeuten würde, dass das Holz/Papier erst nach Deutschland zur Herstellung transportiert wird. Dann würde die Ökobilanz wieder etwas schlechter ausfallen. Jedenfalls wirbt das Produkt schließlich noch mit dem Zusatz, dass es biologisch abbaubar und dermatologisch getestet worden sei. Leider wird nicht erläutert, wer diese Prüfinstanz gewesen ist. Waren es 10 von 20 Kunden, denen der Po nicht gejuckt hat, war es ein Chemieprofessor in Nebentätigkeit oder eine mehr oder weniger glaubwürdige Institution?

P_20180303_190531_kl

Nachdem uns das Produkt seine Aufgabe und die Anwendungsprozedur erzählt hat, interessiert uns natürlich, was nun im Produkt verborgen ist, so dass in und an uns ein sauberes und sicheres Gefühl erzeugt wird. Verbraucher mit isolierten Kernkompetenzen in deutscher Sprache werden dabei im Stich gelassen, denn alle Angaben zur Deklaration der Inhaltsstoffe sind in Englisch. Zusammenfassend sind neben Wasser und Parfüm, 8 der Inhaltstoffe zur Konservierung des Produkts gedacht, etwa als Weichmacher oder Schutz gegen Mikrobakterien. Und tatsächlich zwei (!) der Zutaten werden pflegende (Vitamin E) und/oder feuchtigkeitsspendende Eigenschaften zugeschrieben, wobei die fehlenden Mengenangaben jegliche Einschätzungen der Wirksamkeit unmöglich machen.

Das Dosen-Symbol (s.o.) verweist darauf, dass uns nach dem ersten Öffnen genau 1 Monat bleibt, um alle Tücher aufzubrauchen. Diese Zeit reicht für zu Hause arbeitende oder arbeitsuchende Personen völlig und wird sogar unterschritten, vorausgesetzt pro Sitzung wird nur ein Spülgang getätigt und dabei die maximal Anzahl an Wischmitteln verwenden. Um die Haltbarkeit auszureizen, sollte an etwa 5 Tagen nur 1 Papier eingesetzt werden.

Dabei stellt sich nicht nur die Frage, ob die Dosierung planungsgemäß verläuft und nicht etwa mehrere Tücher aus der Verpackung rutschen, die kaum wieder handhabungsgerecht einsortiert werden können. Sondern es stellt sich die Frage der Frische. Denn im Laufe der Zeit entwickelt feuchtes Toilettenpapier die Angewohnheit zu trockenem Toilettenpapier zu werden, leider ohne dessen Geschmeidigkeit.

Das Produkt verspricht mit seinem „Feuchtigkeitssiegel“ Schutz vor Austrocknung. Zwar suggeriert das ungeöffnete Schloss, dass nix rein oder raus kommt, aber sobald die Packung einmal offen ist, wird sie nie wieder so verschlossen sein, wie vorher – nicht zuletzt, weil nach der Entnahme von einzelnen Dosen Toilettenpapier danach querliegende Tücher eine erneute Versiegelung verhindern. Abgesehen davon haben Siegel lediglich Wegwerfcharakter: sind sie einmal offen, sind sie unbrauchbar.

Das Produkt hält noch einige ergänzende Angaben für uns bereit. Durch das dreieckige Symbol mit der 7 in der Mitte, einen Recyclingcode, drückt es aus, dass seine Verpackung aus Plastik besteht und wir es über das System „Grüner Punkt“ entsorgen können. Ob ausgetrocknete Tücher dann noch darin enthalten sein dürfen oder ob wir diese in zahlreichen Spülgängen als Duett entfernen müssen, ist dann wohl der Eigeninitiative überlassen.

Advertisements

Ist virtuelles Lernen real? …was vom Lernen übrig bleibt

In den vergangenen Wochen konnte ich erste Erfahrungen mit einem virtuellen Klassenraum („VIONA“) machen. Grundsätzlich muss man sich das so vorstellen. Der Klassenraum besteht aus einem Screen mit zentral positioniertem Whiteboard (früher: Tafel), um das sich der/die Dozierende und die Teilnehmenden versammeln. Dozierende nehmen einen gesonderten Platz im Kreis ein, von dem aus eine Steuerung des Whiteboards (sog. application sharing) möglich ist. Dozierende verfassen darin Texte mit Word, zeigen pdf-Dateien oder Inhalte im WWW. Es sind keine Videofunktionen verfügbar. Lediglich (optionale) Avatarbilder der Personen und das gesprochene Wort geben Auskunft über die anderen Teilnehmenden. Jede/r ist während der Unterrichtsstunde sprechberechtigt und kann dies jederzeit tun. Außerdem können Teilnehmende zu Co-Dozierenden werden und ebenfalls einen Platz für das application sharing einnehmen. Als weitere Kommunikationsmöglichkeiten stehen der Gruppe verschiedene Symbole (Daumen hoch, Applaus, Fragezeichen, u.a.) sowie ein Textfeld mit limitierter Zeichenzahl zur Verfügung, die dem Plenum bei Nutzung angezeigt werden.

Als Soziologe neigen wir gelegentlich zur Beobachtung und Interpretation des alltäglichen Geschehens; hier: des Unterrichts im virtuellen Klassenzimmer. Und solch eine teilnehmende Beobachtung ist auch mit dem Mithören von Konversationen anderer Personen verbunden. Thema einer Unterhaltung war die Reflektion über neue Bildungsformate, wie blended learning und eben virtual teaching. Ein älterer Herr verglich das Konzept des virtuellen Klassenraums mit früheren raum-zeitlichen Konfigurationen in Schulen und war folgender Meinung: Im Grunde hat sich doch nichts verändert, heutzutage wird der Bildungsprozess eben lediglich durch Technik realisiert, das sei der Lauf der Zeit und ganz normal. Mindestens zwei Dingen muss ich hier widersprechen.

Erstens ist Technisierung nicht zwingend der „Lauf der Dinge“ und/oder „normal“. Denn was normal ist, also den gegenwärtigen Normen entspricht und somit sozial geteilte Praktiken beinhaltet, wird stets neu ausgehandelt. Die Werte und Paradigmen unserer Zeit sind stark von Neo-Liberalismus und Technokratie, Flexibilisierung und Personalisierung sowie Egozentrierung durchzogen. Insofern erscheint es normal zu sein, sich individuell mit niedrigstem Aufwand schnellstmöglich zu verbessern.

Zweitens – und damit kommen wir zum eigentlichen Thema – wird die grundsätzliche Veränderung menschlicher Kommunikation durch Technik übersehen. Denn jede Form der Mediatisierung von Sprache und Gesprächen bedingt Kommunikationsweisen, Kommunikationsinhalte und damit auch Kommunikationszusammenhänge, also die Interaktionskonstellationen und Gesellschaftsstrukturen. Ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht weist andere Merkmale auf als Telefonate oder Videotelefonie.

Die Differenzen zwischen einem virtuellen Klassenraum und einem Setting vor Ort sind gravierend und lassen sich an den folgenden Aspekten festmachen: Reaktivität, Kontext, Technik.

Beginnen wir mit zwei technischen Herausforderungen und vernachlässigen dabei das Standardproblem von Programmabstürzen. Zum einen ist eine stabile Internetverbindung mit einer entsprechenden Übertragungsgeschwindigkeit nötig, um einen reibungslosen Unterrichtsverlauf zu gewährleisten. Da Online-Akademien wahrscheinlich davon leben, dass die Dozierenden (oft) von zu Hause arbeiten, wird dies zu einem Problem, wenn im privaten DSL-Netz etwa Schwankungen auftreten oder der Strom ausfällt. Zum anderen kommt es immer wieder zu Problemen mit der Tonübertragung aufgrund individueller Konfigurationen des Mikrofons und der Audioeinstellungen bei den Teilnehmenden. Dazu gehören versehentliche Stummschaltungen, Rückkopplungen und Echos sowie unterschiedliche Lautstärken. Dies mögen keine unlösbaren Probleme sein – sie erfordern jedoch immer wieder Aushandlungen darüber was zu tun ist und entsprechende Reparaturleistungen. Es werden Nebenschauplätze eröffnet, die den Unterricht stören und/oder aufhalten. Darüber hinaus sind die Software-Systeme zum Teil extrem simplifiziert und auf wenige Grundfunktionen beschränkt, was Auswirkungen auf die Reaktivität hat (s.u.).

Ähnliche Herausforderungen wie durch Technik entstehen durch den Kontext. Da virtuelle Klassenzimmer stets (mehr oder weniger) ortsgebundene Computersysteme voraussetzen, wird die Kommunikation durch Hintergrundgeräusche erschwert und beeinträchtigt. Dagegen helfen meist auch keine Headsets. Findet der Unterricht in einer realen Organisation statt, so wird dieses Problem verstärkt. Denn ironischerweise liegt die Zusammenführung von (inter-)national verstreuten Kursteilnehmenden in einem virtuellen, thematisch geschlossenen Klassenraum quer zur räumlichen Zusammenführung von Kursteilnehmenden in einer Stadt in einem realen Zimmer. Bestenfalls sitzen in einem Zimmer Lernende eines gemeinsamen Kurses. Schlimmstenfalls ist das nicht so, und es kommt zu einem stetigen Durcheinandersprechen zu verschiedensten Themen, zeitlich abweichende Pauseneinheiten und damit zu einer ganzheitlichen kognitive Ablenkung. Gleichzeitig vervielfältigen sich jedoch die Chancen auf soziale Interaktion mit Personen, die etwas ganz anderes tun.

Reparationsleistungen bzgl. technischer Probleme und kontextbedingte Ablenkung gehen einher mit mangelnder Reaktivität im Lernprozess, d.h. mit fehlenden Rückmeldungen und damit verbundene Inkongruenzen in der Kommunikation, die auf verschiedenen Ebenen beobachtbar sind. Erstens ist nicht transparent, wer zu welchem Zeitpunkt aufmerksam ist. Dies kann die Bereitschaft zur Kooperation und Mitarbeit senken. Ebenfalls wenig gruppenförderlich ist die Tatsache, dass keine gemeinsamen Pausengespräche stattfinden, die gemeinschaftliches Lernen unterstützen können. Zweitens führen Dozierende lediglich im Plenum vor, wie etwas ist und/oder funktioniert. Individuelle Betreuung mit Zeigen am eigenen Bildschirm – während die anderen Teilnehmenden selbständig arbeiten – ist nicht möglich. Drittens findet kaum Austausch, insbesondere von signifikanten Symbolen, zwischen den Teilnehmenden (und Dozierenden) statt. Die Sinnstiftung schlägt fehl. Konkret sind Mimik und Gestik nicht sichtbar: lächeln, nicken, Augen rollen. Aber genau das sind Zeichen, die anzeigen, ob Personen zustimmen, Einwände erheben wollen, unzufrieden sind, Pointen verstanden haben usw. Zumindest bietet der virtuelle Klassenraum auch Gelegenheiten, die Konventionen einer „normalen“ Kommunikation zu durchbrechen und bei Bedarf zu lümmeln oder lange Zeit aus dem Fenster zu schauen.

Fassen wir zusammen. Virtuelle Klassenräume erfüllen längst nicht die Kriterien einer sozial erschöpfenden Kommunikation. Die realräumliche Vermischung des individuellen Lernens mit lern-externem Kontext erschwert die kognitive Arbeit und erzeugt Brüche im Ablauf. Eine geteilte Stimmung und intersubjektive Beziehungen können schwer etabliert werden. Der Anspruch an Technik in solchen Settings ist hoch und wird durch Simplifizierungen und Reduktion auf „das Wesentliche“ gerade nicht erfüllt.

Die Frage, ob diese Faktoren die Lernleistung negativ beeinträchtigen, bleibt offen und muss wohl im Einzelfall (spezifische Person und konkrete Technik) geklärt werden. Womöglich sind spätere Generationen auch nicht mehr an die derzeit gewohnte Art der Kommunikation von Angesicht zu Angesicht gebunden und wundern sich darüber, dass wir uns beim Reden in die Augen geschaut haben.

Öffentliche Soziologie – ein Recall

Soziologie „hautnah“ und im „Vollkontakt“: Disziplinirritation im Forschungshandeln

In Reflektion meines damaligen Beitrags würde ich heute sogar noch weiter gehen und argumentieren, dass Sozialwissenschaftler aktive Gestalter im Reallabor sind, sein können oder gar sein müssen. Dazu bald mehr…

Nach langer Zeit das Update. Ein Buchbeitrag diskutiert die Rolle der Soziologen im Forschungsprozess. Es ist unmöglich, nicht in das soziale Leben einzugreifen – im Gegenteil: Soziologen sind Teil von Strukturierungsprozessen!

Peter Biniok und Stefan Selke „Soziale Innovationen durch Bricolage“

Filterblasen! Na und?

Jede/r hat es bereits am eigenen virtuellen Leib erfahren oder von Bekannten und Freunden mitgeteilt bekommen. Bei unseren Streifzügen durch das World Wide Web werden uns digitale Inhalte nicht „neutral“ und „ursprünglich“ angezeigt. Sondern wir erhalten Zugriff stets auf vorsortierte, klassifizierte und gerankte Mitteilungen und Meldungen. Folgen wir der Analogie eines Fortbewegens durch das Netz, so ist zu konstatieren, dass diese Bewegungen eingeschränkt sind – aufgrund algorithmischer Beeinflussung, wenn nicht gar durch Algorithmen-Handlungen. Spätestens seit Paris Elisa hat dieser beschränkte Aktionsraum von Nutzern im World Wide Web einen Namen: ‚filter bubble‘. Filterblasen basieren auf mathematischen Berechnungen, die sich wiederum einer immensen Datenfülle erfreuen. Jegliche Aktionen der Nutzer im Netz (Einsatz von sozialen Medien), aber auch viele Handlungen in der realen Welt (Einsatz von Chip-Karten), hinterlassen Spuren, die sich als ‚Big Data‘ in diversen Speichermedien sedimentieren. Wie diese Daten anfallen, von fahrlässig und freiwillig bis käuflich und kriminell, sei vernachlässigbar. Tatsache ist ein wachsender Berg an Daten, die in Relation gesetzt werden, um personalisierte Informationen bereitzustellen und/oder personengebundene Entscheidungen zu treffen.

Positiv gesehen reduziert die automatische Vorauswahl die Komplexität von Welt. Um uns im „undurchsichtigen“ Alltagsleben, ob nun Online oder Offline, ohne großes Nachdenken zurechtzufinden existieren eine Reihe von Simplifikationen (von denen nunmehr etliche als Nudges bezeichnet werden): wir greifen auf Routinehandeln zurück, verlassen uns auf Normen und Gesetze oder hören auf unser Bauchgefühl.

Smarte Assistenten der digitalen Welt möchten uns ebenfalls unterstützen und bieten uns nur die Webseiten, Produkte und Bekanntschaften an, die wir auch „wirklich mögen“. Wirklich mögen bezieht sich darauf, dass wir früher einmal oder besonders oft eben diese Webseiten, Produkte und Bekanntschaften angeklickt, erworben oder positiv bewertet haben. Die algorithmenbasierte Vorauswahl beruht also zu einem Großteil auf der Nutzungshistorie der Anwender. Angesichts von dreihundert und mehr „Freunden“ in sozialen Netzwerken, auf die über verschiedene Apps zugegriffen wird, mag es also sinnvoll sein, die ausgepusteten News und Messages zu filtern. Qualität vor Quantität? Grundsätzlich bedeutet eine Vorsortierung, dass sich Nutzer auf sicherem Terrain bewegen. Es existiert Erwartungssicherheit. Ich mag Fußball, meine Freunde auch – sogar den gleichen Verein. Wir werden daher mit großer Wahrscheinlichkeit gleiche bzw. ähnliche Nachrichten lesen. Tierschützern hingegen werden keine Rezepte für Burger angezeigt und Akademiker kommen nicht in die Verlegenheit, einen BILD-Artikel zu lesen.

Das Phänomen der Filterblasen wird derzeit, insbesondere im wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Diskurs, auch kritisch bewertet. Aus dieser Perspektive erscheint der Möglichkeitshorizont während der Internetnutzung verengt. Bildlich gesprochen bewegen sich die Nutzer stets innerhalb eines Kreises, der sich mehr und mehr auf eine Handvoll von „Interessen“ verengt. Algorithmen schränken unser digitales Leben und unsere digitale Teilhabe ein. Die Kehrseite der Vorauswahl zeigt sich auch darin, dass Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit konträren Perspektiven immer stärker ausgeschlossen wird. Damit werden Lernen, Innovationsfindung und Entwicklung erschwert.

Wie nun die unermüdliche Arbeit der Algorithmen zu bewerten ist, muss individuell beantwortet werden. Als zentrale Frage erscheint in diesem Zusammenhang vielmehr, inwiefern wir es mit einem neuen Phänomen zu tun haben und ob wir tatsächlich Maßnahmen gegen Filterblasen treffen müssen.

Führen wir uns den Lebens- und Arbeitsalltag vor Augen, so wird schnell deutlich, dass Offline ebenfalls diverse Filterblasen existieren. Drei Beispiele.

Freundeskreise bestehen, quasi einem Zwiebelmodell gleich, aus verschiedenen Personengruppen, die uns unterschiedlich nah sind. Umso enger unsere Freundschaft, umso mehr Gemeinsamkeiten und Gemeinsames gibt es. Dieses Gemeinsame ist sehr heterogen: Zugehörigkeit zu einer geschlossenen Clique, Kind- und Jugendalter, Religion, etc. Im Laufe der Zeit verdichtet sich der enge Freundeskreis zu einem „harten Kern“ mit entsprechenden repetitiven Handlungen. Nicht zuletzt ressourcenbedingt werden mit zunehmendem Alter kaum neue Bekanntschaften gemacht.

Der Arbeitsplatz ist ebenfalls durch Vorstrukturierung geprägt. Zunächst ist die Arbeitsaufgabe selbst auf bestimmte Handlungen beschränkt. In Hierarchien und Arbeitsgruppen wird mehr oder weniger dauerhaft mit den gleichen Kollegen der Tag verbracht. In diesem Mini-Universum stärken sich tendenziell Zugehörigkeit und Identifikation mit dem Unternehmen und den Produkten parallel zu einer wachsenden Distanzierung gegenüber der Konkurrenz.

Wissenschaftler bewegen sich stark durch ihre Disziplinierung, also die fachliche Sozialisation, beeinflusst. Nicht selten sehen sich die einzelnen Wissenschaftler nur einem bestimmten Fachgebiet zugehörig, und sind zugleich Vertreter einer spezifischen Theorie oder Methode. Darüber hinaus vermag eine Affinität zu bestimmten empirischen Felder zu einer gewissen Einschränkung des Aktionsraums und der Perspektive führen. Es bilden sich Experten auf diversen Gebieten heraus, die kaum noch Grenzen überschreiten.

Es zeigt sich, dass wir schon immer in einer vorgefilterten Welt leben – nicht nur im World Wide Web. Wer ausbrechen will, kann das tun. Er kann offline neue Bekannte und Freunde finden, den Arbeitsplatz wechseln, umziehen. Online existieren Möglichkeiten, ganz andere Suchanfragen zu stellen, Nachrichten aus diversen Quellen zu lesen, und Fotos und Profile zu liken, die nicht gefallen.

Letztlich entscheiden wir als Nutzer, wie unsere Onlinewelt konstruiert ist. Die Aufforderung kann daher nur lauten: Verlasst Eure Komfortzone!

Es gibt keine Wahrheit – Was nun?

Heutzutage sind Daten überall in unglaublicher Fülle für (fast) jeden zugänglich. Lokale Ereignisse, regionale Wirren und weltweite Konflikte verschwimmen in einem unüberschaubaren Potpurri. Über Nachrichtensendungen, soziale Medien und YouTube, die Presse, fernmündlich und face-to-face werden Daten ausgetauscht und konsumiert. Die Zunahme des Datenschwalls wird durch das Internet und die virtuellen Datenstraßen befördert. Nun liegen jedoch nicht gleichzeitig Informationen vor. Sondern Informationen erhalten wir erst durch die Interpretation von Daten. Die Vielfalt an Daten und die damit verbundenen Interpretationserfordernisse haben Folgen für die Gesellschaft und das gesellschaftliche Zusammenleben.

Beginnen wir blauäugig. Grundsätzlich gehen Menschen zunächst davon aus, über die mediale Berichterstattung die Fakten und Wahrheit zu erfahren. Das ist jedoch in beschränktem Umfang der Fall. Und dabei geht es nicht um absichtliche Falschmeldungen oder Beschränkungen (Zensur) wie in weniger demokratischen Ländern. Sondern jeder Medientheoretiker, Sozialwissenschaftler usw. wird darauf hinweisen, dass Nachrichten „Vorführungen“ bzw. Inszenierungen sind. So hätte es Erving Goffman wohl ausgedrückt. Überspitzt: Wir sehen ein Alltagstheater – und davon auch nur die Vorderbühne. Die Inszenierungen sind in vielerlei Hinsicht konstruiert. Zunächst wird eine Auswahl an Daten getroffen; diese werden in eine Textform gebracht und/oder sie werden mit Bildern und Filmen unterlegt. Da bedeutet, dass wir stets nur einen vorgefertigten Ausschnitt von dem präsentiert bekommen, was tatsächlich passiert. Die Produzenten von Berichten sind die „Wächter“ der Wahrheit.

Nun wäre es Anlass zur Freude, dass das Nachrichtenmonopol – nicht zuletzt durch das World Wide Web – ausgehebelt wird. Vorfreudig wird in diesem Zusammenhang von digitaler Emanzipation, Kommunismus 2.0 und der neuen Unabhängigkeit der Medien gesprochen. Gleichzeitig kommt es jedoch zu einer Schwemme an Daten im Akkord. Produzent ist dabei Jedermann.

Angesichts der Komplexität von Daten, die zur Verfügung stehen, sind wir Rezipienten fortwährend dazu gezwungen, Entscheidungen dahingehend zu treffen, was die Wahrheit ist. Früher schien es gelegentlich einfacher: Für eine Bauernfamilie war die Wahrheit das lokale Geschehen und die Weisungen des Adels. In der NS-Zeit war Propaganda die Wahrheit. Für viele ist Religion die einzige Wahrheit. Die Entscheidung für eine einfache Wahrheit ist nicht überraschend, will sich der Mensch doch lediglich in der (post-)modernen Gesellschaft zurechtfinden. Allerdings sind einfache Wahrheiten stets Simplifizierungen komplexer Zusammenhänge, so Niklas Luhmann. Es gibt niemals den einen Erfinder: Edison hat die Glühbirne nicht alleine erfunden. Eine einzelne Person ist sicherlich kaum verantwortlich für die Politik eines ganzen Landes (Stichwort: Merkel). Und ein Land regiert nicht absolutistisch in Europa. Es sind nicht die Asylsuchenden, die kriminell sind, und es sind auch nicht die Rechten, die Flüchtlingsheime anzünden.

Zwischenstand: Ich wähle also eine Wahrheit. Die Wahrheit ist das, was ich für Wahrheit halte. Die Gründe für diese Wahl sind breit gefächert: Vertrauen, Geisteskrankheit, Visionen, Schmiergeld, um nur einige zu nennen. Wirklichkeit wird von uns stets (sozial) konstruiert. Darauf haben sowohl Peter Berger und Thomas Luckmann als auch, stärker populär, Paul Watzlawick hingewiesen. Konstruktion von Gesellschaft ist ein gemeinschaftlicher, kontinuierlicher Prozess, in dessen Verlauf auch Wahrheit konstruiert wird. Vermutlich habe ich die größtmögliche Chance auf Wahrheit, wenn ich etwas mit eigenen Augen sehe – die Daten also selbst erhebe und interpretiere. Ansonsten bin ich auf „Stellvertreter“ angewiesen, die mir berichten.

Aber auch in solchen Situationen, in denen ich etwas erlebe, bleibt stest eine Restunsicherheit. Denn Ereignisse sind stets eingelagert in umfassendere Handlungszusammenhänge, die einen historischen Verlauf haben und situativ oft nicht zu verstehen sind. Wir leben zudem in einer Welt der unbeabsichtigten Nebenfolgen, in einer Risikogesellschaft, meint Ulrich Beck. Kaum ein Ereignis oder eine Entscheidung bewirkt neben den primären und anvisierten Zielen nicht auch sekundäre Effekte. Diese müssen nicht, können jedoch negativ sein. Wer kann also behaupten, über vollständiges Wissen zu verfügen, um Daten hinreichend interpretieren zu können? Anders formuliert: jede/r interpretiert Geschehnisse und Ereignisse vor einem begrenzten Wissenshorizont. Wie soll dann Wahrheit produziert werden?

Das Tagesgeschehen hat eine Geschichte. Sind Ereignisse erst einmal angestoßen, kann es schwierig sein, deren Verlauf zu beenden oder zu verändern. Ereignisse sedimentieren als Strukturen der Gesellschaft. Vielfach bewegen sich Phänomene auf verfestigten Bahnen (sie haben „Momentum“) und können nicht von einem Moment auf den anderen geändert werden, etwa Verkehrsregeln, Gesetze, Umgangsarten. Das ist der Sinn von Organisationen und Institutionen – das soziale Leben wird auf Dauer gestellt und muss nicht jeden Tag neu verhandeln werden. Wir wissen, wie etwas getan wird. Es gibt unhinterfragte Regeln und Werte nach denen wir leben.

Menschen wollen Verhaltenssicherheit, Ordnung, Lebensqualität. Dazu gehört auch der Glaube an Wahrheit. Leider machen es sich viele zu leicht und wählen eine einfache Wahrheit, eine Wahrheit, die Ihnen gefällt. Sie konsumieren auch nur diese Wahrheit und selbstvergewissern sich in den Kreisen derjenigen, die ebenso denken. In einem Zirkel aus gegenseitiger Bestätigung manifestiert sich die Meinung in einem einfachen Dualismus: Wir haben Recht, die anderen lügen (Stichwort: „Lügenpresse“). Wie schon gesagt: einfache Wahrheiten, und dazu gehört Schwarz-Weiß-Denken, sind niemals tragfähig.

Komplexe Daten und eindimensionales Denken schließen sich aus.

Das World-Wide-Web befördert die Empörungsgesellschaft, so Byung-Chul Han. Angesichts der überkomplexen und stark fluktuierenden Datenmassen scheint es drei Trends zu geben.

  1. Kurzzeitiger Konsum statt ausreichender Recherche. Wer ist Verfasser von Beiträgen? Welche Begriffe werden genutzt? Wo wird der Beitrag platziert? Die Liste der Fragen, die eigentlich gestellt werden müssen, kann leicht verlängert werden.
  2. Aufregung statt Diskussion. Schneller Konsum führt zu (vor)schnellen Urteilen und Pauschaläußerungen. Grundlegende Diskussionen sind nicht möglich – und auch nicht gewollt.
  3. Vergessen statt Handeln. Nach der Aufregung ist vor der Aufregung. Bequem sitzend oder liegend wird der nächste Datenhappen konsumiert. Ein Handlungsimpuls ist nicht vorhanden.

Was bleibt als Fazit: Menschen in der heutigen Gesellschaft sollten sich den Anforderungen komplexer Daten und multipler Wahrheiten stellen. Es gilt, die Verschiedenartigkeit der Daten gewinnbringend einzusetzen, diverse Interpretationen zuzulassen, Wissen zu sammeln und zum Handeln zu nutzen. Das bedeutet: Dualismen aufbrechen, anders denken, andere Perspektiven einnehmen und sich selbst hinterfragen! Wir alle konstruieren unsere Gesellschaft und unser Leben.

Für eine neue Kunst des Zusammenlebens

Manifeste (das kommunistische, des freien Urchristenthums), Protokolle (Kyoto, der Weisen von Zion), Briefe und Akten (O.D.E.S.S.A.) und andere teils existente, teils fiktive Schriften haben stets suggestiven Charakter. Der Appell zur Veränderung von Gesellschaft richtet sich an die breite Bevölkerung, die Ausgangspunkt der Veränderung sein muss. Besonders in als Krisen wahrgenommenen Zeiten ist Richtungsweisung ein wichtiger Mechanismus in unserer komplexen Welt. Dass diese Weisungen vielfältige und gar negative Formen (Religionskriege, PEGIDA, Terrorismus) annehmen können, ist Fakt. Umso dringlicher ist es, dass sich die (Sozial)Wissenschaft zu Wort meldet und eben jenen Aufgabe erfüllt, die sie oft vernachlässigt: einen Vorschlag zu unterbreiten für eine neue Form des Zusammenlebens. Dies ist mit der Disskusion des Konvivialismus geschehen.

Gerade heute, am sog. Tag der Arbeit inmitten der „364 Tage des Kapitals“, sollte man innehalten und sich ernsthaft Gedanken machen, ob wir so weiter leben wollen, wie bisher. „Das konvivialistische Manifest“ thematisiert diese Frage. Auch wenn das Werk kaum mehr als 70 Seiten umfasst, unter http://www.diekonvivialisten.de/download.htm kostenfrei erhältlich ist, und einer Lektüre somit wenig im Weg steht, erscheint es sinnvoll, im Folgenden eine Zusammenfassung zentraler Aspekte des Manifests anzubieten. Dabei soll der Text für sich selbst sprechen.

„Die Mutter aller Bedrohungen. Zwar hat die Menschheit gewaltige technische und wissenschaftliche Fortschritte erzielt, konnte jedoch ihr größtes Problem noch immer nicht lösen: Wie mit der Rivalität und der Gewalt zwischen den Menschen umgehen?“ (45)

„Ob das grenzenlose ökonomische Wachstum nun an sich wünschenswert ist oder nicht, es kann nicht die dauerhafte Lösung der Konflikte zwischen den Menschen sein.“ (52)

„Nach und nach sehen sich auch alle Bereiche des Daseins bis hin zu den Affekten und den Freundschafts- oder Liebesbeziehungen einer buchhalterischen, technischen und betriebswirtschaftlichen Logik unterworfen.“ (55)

„Das wachsende Unvermögen der Parteien und der politischen Institutionen […] erklärt sich aus der Unfähigkeit […] mit dem doppelten Postulat zu brechen, das noch immer das gewöhnliche politische Denken beherrscht. […] das Postulat des absoluten Vorrangs der ökonomischen Probleme vor allen anderen; das Postulat des grenzenlosen Reichtums an natürlichen Ressourcen (oder technischen Surrogaten).“ (52/53)

Konvivialismus ist die „Kunst des Zusammenlebens (con-vivere), die die Beziehungen und die Zusammenarbeit würdigt und es ermöglicht, einander zu widersprechen, ohne einander niederzumetzeln, und gleichzeitig für einander und für die Natur Sorge zu tragen.“ (47)

„Ein sinnvoller Ausgangspunkt ist die Annahme, dass das Wohl aller über den Aufbau einer Gesellschaft der ‚Fürsorge‘ (care) und die Entwicklung einer öffentlichen Politik führt, die die Arbeit für andere wertschätzt und diejenigen fördert, die sich Aufgaben der Fürsorge widmen.“ (57)

„Die einzige legitime Politik ist diejenige, die sich auf das Prinzip einer gemeinsamen Menschheit, einer gemeinsamen Sozialität, der Individuation und der Konfliktbeherrschung beruft.“ (61)

„Eine gesunde Gesellschaft versteht es, dem Wunsch nach Anerkennung aller ebenso gerecht zu werden wie dem Anteil an Rivalität […] Sie schafft Raum für die Vielfalt der Individuen, Gruppen, Völker, Staaten und Nationen, wobei sie sicherstellt, dass die Pluralität nicht in einen Krieg aller gegen alle ausartet.“ (48)

„Es geht darum, einen neuen, radikalisierten und erweiterten Humanismus zu erfinden, und das bedeutet die Entwicklung neuer Formen der Menschlichkeit.“ (58)

De-Sozialisierung

Beim letzten, weihnachtlich bedingten, Zusammensein mit Freunden gleichen Jahrgangs wurde mir mitgeteilt, dass es „voll retro“ sei, noch MMS zu versenden. Gleiches gelte selbstredend für den Austausch von SMS. Schließlich gäbe es ja „kostenfreie“ Messengerdienste, wie beispielsweise WHATSAPP (gläserne Kommunikation via USA) oder THREEMA (mehr oder weniger intransparente Kommunikation via Schweiz). Im Rahmen der Diskussion eines Für und Wider der vielfältigen Möglichkeiten moderner Informations- und Kommunikationstechnologien sind drei Punkte hervorzuheben.

(1) Technophilie. „Fortschritt durch Technik“ – auch bekannt als Slogan der Automobilindustrie – durchdringt dogmatisch in jedweder industrialisierten Gesellschaft schon seit Langem jeden Teil menschlichen Zusammenlebens. Die technikdeterministische Perspektive der Vertreter von Wirtschaft, Industrie und Ingenieurswissenschaft hat die Gier nach der Technisierung aller Lebensbereiche geweckt. Sicherheit, Autonomie und Assistenz werden notwendig durch technische Produkte und Verfahren erreicht. Soziale Komponenten stehen dabei im Hintergrund und finden bei der Entwicklung von Technologien tendenziell wenig Beachtung. Das Angebot schafft im Sinne eines TECHNOLOGY-PUSH die Nachfrage – egal, ob es gebraucht wird oder nicht. Der Konsument weiß zwar erst was er will, wenn er Technologien nutzt. Dennoch fungieren „LEAD USER“ (von Hippel) und „TECHNIKFASZINIERTE WELLENREITER“ (Hörning) als Schamanen der Moderne.

(2) Sorglosigkeit. Der Umgang mit Technik geht einher mit einem seltsam naiven Vertrauen in Technik (Weber). Was der Markt anbietet, kann nur von Nutzen sein. Einfaches Credo: Umso mehr Funktionalität, umso mehr steigt die Lebensqualität. Eine ernsthafte Abwägung auch negativer Konsequenzen, bspw. des Einsatzes von SMARTPHONES oder SOCIAL MEDIA, findet kaum statt. Es verwundert, wie freiwillig gläsern wir durch die Welt schreiten, wie Sen in „TRANSPARENZGESELLSCHAFT“ veranschaulicht. Leider greift hier auch die Bundesregierung mit einem überholten Bundesdatenschutzgesetz völlig ins Leere, anstatt den Bürger zu schützen.

(3) Blindheit. Die unhinterfragte Nutzung von FACEBOOK, GOOGLE & Co. wirft nicht nur Fragen der Datensicherheit auf. Im Rahmen eines kontinuierlichen „DRIFTs“, wie Rammert es nennt, verstärken sich einerseits Prozesse von Inklusion und Exklusion. Wer WHATSAPP nutzt, hat Teil am gesellschaftlichen Leben – alle anderen stehen außen vor. Andererseits verändert sich zwischenmenschliche Kommunikation weitreichend. Während das Telefon früher noch einen Austausch unter weit voneinander entfernten Menschen ermöglichte, unterbindet es heutzutage das face to face-Gespräch. Eine Unterhaltung unter Anwesenden pendelt zwischen personaler und technischer Kommunikation. Entsprechend wurde das Smartphone in meinem Kurs sehr treffend als AUFMERKSAMKEITSRÄUBER bezeichnet.

Mit diesem Plädoyer für mehr soziale statt technische Interaktion und Kommunikation, eine zielgerichtetere (Aus-)Bildung im Bereich Technikgenese und -einsatz sowie die stärkere Reflektion von Techniknutzung darf abschließend der Hinweis auf „THE CIRCLE“ von Dave Eggers nicht ausbleiben. Einmal gelesen, wird sich der Eine oder die Andere sicherlich bzw. hoffentlich ernsthaft Gedanken über den derzeitigen Zustand von technikbasierter Kommunikation und Lebensstile machen.

Warum keine/r mit PEGIDA demonstrieren sollte

Das Thema PEGIDA (und nunmehr ebenso ärgerlich BÄRGIDA) ruft sicherlich – und dies nicht ohne Grund – hinreichend zynische und abwertende Kommentare hervor. Das Motto der alt-konservativ-populistischen Bewegung ernst zu nehmen, scheitert an diversen Fehlstellen in der nationalistischen Argumentation. Derartige Schieflagen werden von den sich montags versammelnden Massen leider kaum wahrgenommen. Letztendlich führt dies dazu, dass das Volk sich zum wiederholten Mal blindlings und in ungelenker Wut den falschen Botschaftern unterstellt.

Patriotische Europäer vereinigt Euch?

Es ist interessant, zu beobachten, wie willkürlich die europäische Leitidee in konservativ-populistischen Leitbildern gebraucht wird. Einmal muss sich das deutsche Volk gegen die EU erwehren, dann sich wieder als Teil der „Volksgemeinschaft“ Europas gegenüber dem Morgenland positionieren. Es stellt sich die Frage, was unser schönes Europa im Rahmen von PEGIDA eigentlich bedeuten soll. Ist es ein Europa im kulturellen, religiösen und/oder politischen Sinn? Und worauf bezieht sich der so prominent herausgestellte Patriotismus?

Patrioten zeichnen sich durch emotionale Verbundenheit zu dem Land aus, in dem sie geboren sind. Setzen wir das Land als Nationalstaat, so ergibt sich als Rahmung eine extrem heterogene politische, kulturelle oder soziale Einheit. Diese ist durch Bundesländer, Milieus, arme und reiche Bevölkerungsschichten usw. gekennzeichnet. Für das Territorium, in das ich hineingeboren werde, nun eine seltsame Art des Besitzdenkens zu entwickeln, steht konträr zur Existenz natürlicher, humaner und artifizieller Ressourcen, die allen zur Verfügung stehen (sollten). Zumal bei einer derartigen Besitznahme Grenzziehungen zugrunde gelegt werden, die historisch gesehen alles andere als „natürliche“ Grenzen sind. Oder sind die willkürlichen politischen Grenzziehungen, bspw. nach den beiden Weltkriegen, als Urzustand zu interpretieren?

Nehmen wir an, dass der viel kritisierte Nationalstaat trotz seiner internen Heterogenität ein Verbundenheitsgefühl erzeugt, so bedeutet das für Patrioten eben nicht zwingend, auch gegen andere Nationen zu sein. Das zeigt sich eben daran, dass PEGIDA alle (!) patriotischen Europäer anspricht. Allerdings nutzt PEGIDA die Gefühle, die jemand für etwas hegt, um den Hass gegen etwas zu schüren.

Der Islam will die Weltherrschaft?

Wenn gegen eine Islamisierung demonstriert wird, müsste dieser Prozess zunächst stattfinden. Welche Datenbasis und wissenschaftlichen Studien die Organisatoren von PEGIDA hier zugrunde legen, bleibt mehr als fraglich. Stattdessen gilt es als gelungene Strategie, alles Wissen, alles Gesagte und Geschriebene der Anderen (= Staat) anzuzweifeln bzw. zu verleugnen und lediglich die eigene „Wahrheit“ in den Mittelpunkt zu stellen. Eine Handvoll Personen scheint allwissend. Und diese Personen wissen eben auch die Unzufriedenheit des Volkes auf schäbige Art und Weise zu kanalisieren. Die Hilflosigkeit findet nach Frustwahlen nun ein neues Ventil.

Statt sich ernsthaft mit politischen, wirtschaftlichen und daraus resultierenden sozialen Schieflagen auseinanderzusetzen, wird bei PEGIDA auf irrationale Ängste zurückgegriffen. Existenzängste, die nur auf das Fremde projiziert werden können. Warum? Weil das Fremde eben jene Eigenschaft hat, die es so bedrohlich erscheinen lässt: es ist unbekannt. Und das Unbekannte kann in jedweder Weise interpretiert werden. Wer ist schuld an der Misere in Deutschland und Europa? Die Fremden! Und hier zeigt sich erneut, die Beliebigkeit der Argumentation: Gestern war es der Unterschied zwischen Ariern und Juden, heute stehen sich Europäer, bzw. das Abendland, und das Morgenland gegenüber, und morgen sind es womöglich Eurasier und Afrikaner, die einen Konflikt auszutragen haben.

Was sind die wahren Probleme?

Richten sich die Demonstrationen und die Kritik von PEGIDA nun gegen die Politik der Länder und Europas. Ja, und nicht ohne Grund! Richtet sich die Kritik gegen die globale Wirtschaft? Nein! Das erscheint widersprüchlich, wird die Ausbeutung der Bevölkerung doch nicht allein durch den Staat, sondern in hohem Maß gerade durch das Kapital erzeugt.

Das Vordringen wirtschaftlicher Motive und Ideale in alle Lebensbereiche geht einher mit der Aufhebung der Staatsmacht. Prozesse der Industrialisierung, Rationalisierung und Technisierung haben einen Zustand herbeigeführt, der sich im Primat der Ökonomisierung manifestiert. Kann dafür das Morgenland verantwortlich gemacht werden? Irrwitzigerweise ist viel eher das Abendland Ausgangspunkt dieser Entwicklung. Es sollte also im Umkehrschluss überlegt werden, wie eine weltweite Gerechtigkeit und Solidarität erreicht werden kann – unter Beteiligung aller Nationen.

Daran ist PEGIDA allerdings nicht interessiert. Es geht um Beschuldigungen mit plakativen Slogans und Gut-gegen-Böse-Dualismen. PEGIDA will einfach Macht, ohne die grundsätzlichen gesellschaftlichen Probleme im Kern zu benennen, geschweige denn zu bearbeiten.

Eine an Menschenrechten und demokratischen Grundsätzen orientierte Demonstration gegen bestehende Missstände in unserem Land sieht anders aus, muss anders aussehen!